In Amerika mit Richard Strauss.

Elisabeth Schumanns Tagebuch

14. Oktober bis 31. Dezember 1921


[Elisabeth Schumann’s abbreviations, spelling mistakes, archaic spelling and the writing of Strauss’s name as “Strauß” (presumably for the sake of brevity) have not been altered in this transcription.]

14. Okt. 21. abends 10 Uhr im Schlafwagen.
Genau heute vor 7 Jahren, kurz nach Ausbruch des Weltkrieges trat ich meine 1. Amerikareise an—damals von Hamburg. Mein seltsames Zusammentreffen heute ist mir wehmütiger—der Abschied war mir recht schwer—aber wie schön, daß C. noch ermöglichte ohne Bahnsteigkarte an mein Coupé zu kommen. —Totmüde—scheußlicher Schlafwagenschaffner.


15. Okt. 21.
Vormittag 11 Uhr Ankunft München—angenehme Grenze gehabt—Bad genommen, gegessen, geschlafen. Punkt 4 Uhr fährt Dr Strauß im Auto vor—ich bin gerade im Hotelvestibül—und bringt mir eilig die Fahrkarte München-Paris und stürzt dann zur Kofferaufgabe an den Bahnhof, weil “Bubis” Cigaretten erst so spät kamen, und er sie noch ins Geheimfach des Koffers verstauen mußte. Wir treffen uns ¼ Std. später an der Gepäckaufgabe und unterhalten uns während des Wiegens, was ewig dauert, über Amerika. Ich jammere: wie lange es dauern wird, und er: wie langweilig es sein wird—dabei sein bekannter Augenaufschlag zum Himmel. “Na, ich habe mir Notenpapier mitgenommen” sagt er dann heiter. In dem Augenblick kriegen wir unsere Scheine, bezahlen und gehen dann schnell in’s Excelsior zurück, um noch einen Kaffee zu nehmen. Er fragt über Wien und die Oper und hört sehr interessiert zu, schimpft über die italien. Generalsproben und Schalk. Die mitgebrachten Briefe will er erst im Zug lesen.
Wir gehen zur Bahn, sehen dort Franckenstein, der mit einem Veilchenstrauß auf mich wartet, steigen dann ein, jeder in sein Coupé, die nebeneinander liegen. Nach 5 Min. bittet mich Strauß, doch zu ihm zu kommen—wir unterhalten uns über das Fiasko der Hempel in Wien—über mein Engagement an der Scala, wobei seine Augen leuchteten, übers “Kuhreigen” u.s.w. Dann lesen wir beide. Er geht dann in den Speisewagen, ich esse in seinem Coupé ein halbes Huhn, das ich in München noch kaufte. Er kehrt kurz darauf zurück und überreicht mir galant eine Banane. Noch ein Weilchen plaudern wir—dann verabschiede ich mich totmüde—er will bis Karlsruhe, wo wir erst um 12 sind, aufbleiben, weil “Franzl” dort einsteigt. Ich lege mich mit Kleidern schlafen, weil um 2 Uhr Grenze ist, und ich in den Gepäckraum muß. Man klopft—Passrevision—ich stehe auf—herzliche Begrüßung mit Franz, der mit seines Vaters Paß im Gang steht. Trotzdem öffnet man auch seine Tür—ich sehe den großen Mann im Oberbett müde blinzeln und ärgre mich, daß er wach wird—dann schnell mit Franz in den Gepäckwagen und zurück in’s Bett.


16. Okt.
Frühstück zu dreien im Speisewagen—Strauß spricht viel über die Landschaft, die wir durchfahren und ist entzückt über die Farben. Dann Ankunft Paris, wo Hermann, Saerchinger und ein Mann von der White Star Line uns erwartet, der alles mit unseren Koffern besorgt. Strauß hört plötzlich, daß ich Majestic wohnen will und überredet mich in’s Grand Hotel zu ziehen. “Wir wollen uns doch Paris ansehen und da müssen wir beisammen bleiben.” Also ich folge ihm. Um 1 Uhr treffen wir uns bei Prunier—ein wunderbares Lokal. Strauß schwelgt im Austernessen, ich labe mich an Hummer—wir sind sehr vergnügt—er ist begeistert von Paris—findet alles geschmackvoll und kennt keine schönere Stadt. Ich lobe ihn wegen Prunier und des herrlichen Essens, nur er sagt darauf: “Ja, ich bin ein guter Reisemarschall, ein mäßiger Komponist und miserabler Theaterdirektor.” Er ladet mich übrigens zu Tisch ein mit den Worten: “Das Anfangsdiner gebe ich.” Nach dem Essen gehen wir sofort in den Louvre—wunderbare Eindrücke—stehen auch lange vor der Mona Lisa—dann im Auto nach Chateau de Madrid im Bois—herrliche Fahrt, Kaffee—elegante Menschen—dezente Musik mit modernen Tänzen—wir sitzen im Freien “au soleil”—zurück im Auto bis Place de Concorde, wo wir noch an die Seine gehen und den Ausblick genießen. Strauß spricht über Architektur—ich bewundre seine vielseitigen Interessen—wir gehen zurück in’s Hotel—ich erkläre, daß ich in’s Bett muß, sonst falle ich vor Müdigkeit um—Franz geht mit Saerchinger lumpen—Dr. bleibt auch zu Haus. Er hat mir eben noch den Separateingang zu seinem Bad geziegt, das ich mit benutzen soll. Er ist entzückend.


17. Okt.
Vormittag mit Saerchinger Montmartre—auch dort zu Mittag gegessen—dann Kaufhaus Louvre—Hotel. Um 4 mit Strauß, Franz, Saerch. im Auto nach Dame des Invalides—leider geschlossen—weiter nach dem Eiffelturm—herrliche Aussicht—Kaffee getrunken. Strauß erzählt mir von seinem neuen Ballett, was er im Sommer geschrieben. Es heißt “Schlagobers” (crême du lait) und sagt scherzend: “Ja ja, wenn man alt wird, hat man solche Einfälle.”Abends im Folie bergères—totmüde—kann nicht mehr.


18. Okt.
früh mit Auto nach St. Chapelle—wunderbar gothische Capelle mit himmlischen Glasfenstern—dann bei den Antiquarbuchhändlern herumgestöbert—altes kl. Gebetbuch gekauft—danach in der Sonne vorm Louvre gesessen—1 Uhr Prunier—danach Louvre—Dir. Gold getroffen—abends allein mit Saerch. im ital. Restaurant gegessen.


19. Okt. 21.
Ich liege in der Kabine, eng und wackelig. Franz kommt eben noch mal, sagt mir durch die Tür, daß Schaliapin mit an Bord ist—er trinkt augenblicklich mit Papa eine Flasche Wein, ich soll doch mit hinauf kommen. Aber ich liege schon zu Bett.—Jetzt eben klopft Strauß selbst und bittet mich um meine Schiffskarte, da Schaliapin uns durch Protektion andere Kabinen verschaffen will—wir sind nämlich nicht zufrieden mit unseren Kabinen. Welch herrliche Aussichten! Und welch interessante Gesellschaft! Der Tag verlief zum größten Teil in der Eisenbahn. Glücklicher Augenblick, als ich Ce’s Mutters Telegramm an Bord erhielt!


20. u. 21. Okt. 21.
mieses Befinden. Kopfweh—ließ mir Essen auf Deck servieren. Unerträgliche Müdigkeit.


22. wundervoller Tag—Sonnenschein—vollständig ruhige See—große Langweile. Ich vergaß ganz zu erwähnen, daß wir schon im Zug von Paris nach Cherbourg die Bori trafen. Schaliapin ist wenig zu sehen, er sitzt den ganzen Vormittag im türkischen Bad, spricht leider auch nur französ., kein englisch.—


23. schöner Tag mit Sonnenschein—abends herrlicher Sonnenuntergang—dann netter Poker mit Strauß, Franz, der Bori, Schaliapin und einem Schweizer Ehepaar—sehr lustig bis ½ 12.


24. nichts Besonderes—abends der übliche Poker.


25. Okt. 21.
Wohltätigkeitskonzert für Witwen und Waisen der Seeleute—hatte mit 3 Straußliedern großen Erfolg. Chaliapine sang auch noch—herrlicher Künstler—leider nicht mehr ganz auf der Höhe. Dann spielte noch eine Geigerin Sonate v. Strauß. Strauß ist so reizend und immer auf meinen Erfolg bedacht. Vor dem Konzert sagte er: “Halten’s doch die hohen Teen ruhig länger, nicht immer so genau singen.” Nachher fragte ich: “Na, sang ich die hohen Töne lang genug?” “Ja,” sagte er lustig, “aber mit einem gewissen inneren Schamgefühl.” Er meint, weil ich immer nur singe, wie’s dasteht.
Über meinen Erfolg strahlte er. Hinterher saßen wir noch gemütlich alle im Rauchsalon.


26.X.21.
Abends Abschiedspoker.


27.X. abends 11 Uhr
Zwei Stunden in New York. Hinfahrt mit all den erleuchteten Wolkenkratzern einfach phantastisch—überwältigender Eindruck. Ich fange an mich wohl zu fühlen und die Reise zu genießen. N.Y. ist das großzügigste was es überhaupt giebt—wenn Ce doch alles miterleben könnte! Diamond kam auf ’s Schiff—dann stürzten 20 Reporter und Photographen auf uns zu wie die wilden Tiere—ja, wir wurden sogar gefilmt—das giebt’s nur einmal in der Welt. Und morgen ist schon alles zu sehen. Wir wohnen im Hotel St. Regis 5th Av., haben ein entzückendes Apartement mit einem Salon, 2 Schlafzimmern, 2 Badezimmern und kl. Garderoben. Die schönsten Rosen in amerikanischen Mengen prangen auf allen kl. Tischen—Strauß hat ja viele Freunde hier—nur ein wunderbares Riesenbouquet ist vom Hotel. Sogar einen Flügel hat man uns in’s Zimmer gestellt. In m. Badezimmer hängen ungefähr 1 Dtz. Handtücher, 3 große Badetücher—am Waschtisch und Wanne liegt Seife mit der Inschrift des Hotels. Ich komme mir vor wie im Schlaraffenland. Wir wohnen übrigens 16. Stck. Montag soll ein gr. Empfang für Strauß sein mit Begrüßung des Bürgermeisters u.s.w. Morgen mehr—meine Augen fallen zu.


28.X.
1. Tag in N.Y. Morgens gearbeitet, dann großer Spraziergang gemacht—nachmittag mit Strauß gearbeitet und eben heimgekehrt vom Empfangsdiner, das Diamond uns deutschen Künstlern gab. Elly Ney mit Mann, Pattiera, die Dux, Strauß, Franz und zwei amerik. Herren. Es war sehr nett—ich bin der Dux so entgegen gekommen wie es einer Dame geziemt, habe ihr aber in der Erzählung manche Retourkutsche gegeben. Von ihr habe ich den Eindruck einer sehr ordin. Person. Strauß fährt morgen zur Probe nach Philad.—dann bin ich mit Franz allein. Wie schön, daß ich beide hier habe—das Heimweh wäre sonst zu groß.


29.X.21.
mit Franz mittags bei Stross Ritz Carlton, nachmittags Besuch der beiden Brüder Taylor—abends mit Franz blue ribbon gegessen—danach Kino.


30.X.21.
früh mit Strauß etwas gearbeitet. 12 Uhr mit Auto hinaus zu Untermeyers [Untermyers],—der schönste Landsitz, den ich bisher sah. Ein Garten mit griechischen kl. Tempeln, einem Naturtheater und herrl. griechischen Ausgrabungen. “Hier muß Reinhardt den Sommernachtstraum spielen, wenn er nächstes Jahr herkommt” sagte Strauß. Eine bezaubernde Anlage, direkt am Hudson, nur sehr hoch gelegen. Untermeyer [Untermyer] ist der berühmteste Advokat hier zu Lande—man hat ihm einmal 300.000 Dollar gezahlt, damit er in einem Prozesse nicht mittun sollte. Zum Essen waren außer uns Bodansky mit Frau, Elena Gerhardt mit ihren Freunden Mr. & Mrs. Goldmann, zu denen wir auch noch diese Woche geladen sind, und einige 10 Menschen noch, von deren Namen ich keine Ahnung habe. Ich sang Nachmittag Straußlieder und zwar die neuen—alles war begeistert und es war ein Riesenjubel. Morgen zieht Mrs. Unterm. in die Stadtwohnung, die auch 5th Av. ist, ganz nah von unserem Hotel—und wir sind übermorgen schon wieder zu Tisch. Wenn’s so weiter geht, spart man viel Geld, bis jetzt habe ich noch kein Mittagessen gezahlt. Gegen ½ 6 brachen wir auf—kriegten noch einen ganzen Kasten voll Blumen mit aus dem Treibhaus und wurden wieder im Auto in’s Hotel gebracht. Jetzt spielt Str. nebenan Skat—ich will schnell schlafen—es ist 12 Uhr.


31.10.21.
Mittags 12 Uhr großer Empfang Strauß durch den Bürgermeister der Stadt New York. Es halten ungefähr 15 Automobile vor dem Hotel St. Regis—alle tragen rückwärts das Wappen der Stadt. Im 1. fährt Strauß mit 3 Herren, im 2. Franz mit Begleitung, im 3. ich mit Diamond, im 4. die Dux—weiter kenne ich die Menschen nicht. Die Autos sind links und rechts von Schutzleuten begleitet, die auf Motorrädern fahren und ständig mit einer Sirene pfeifen, das bedeutet, daß wir ohne Aufenthalt alle Straßen kreuzen, alle anderen Wagen stehen still—links und rechts stehen Menschen—alle lasen natürlich von dem Empfang. Strauß fährt durch N.Y. like a king. Vor dem Rathaus wimmelt es von Photographen—wir werden gefilmt und geknipst. Dann treten wir ein in’s Rathaus. In dem Empfangsraum warten schon viel Geladene. Zuerst spricht ein Neffe Goldmarks, dann Mr. Berlitzheim, dann der Mayor. Strauß erhebt sich und erwidert—anfänglich sehr stockend—dann fließend und voll esprit. Er erwidert deutsch und entschuldigt sich, daß er in seiner Muttersprache antwortet. Seine kurze Rede ist aber englisch übersetzt und wird danach gleich vorgelesen, worauf ein großes Applaus einsetzt. Strauß war über die große Ehrung gerührt—er sah ganz blass aus. Es kam dann eine große Vorstellung, wobei die Dux und ich dem Mayor vorgestellt wurden. Danach wieder große Filmerei und Abfahrt zum Hotel, wo Diamond ein Frühstück gab. Abends das ereignisreiche Konzert von Strauß in der Carnegiehall, das einem Triumphe glich—danach saßen wir 3 oben am Zimmer und aßen zur Nacht. Er sagte u.a. “Es ist schwer Schlüsse zu schreiben. Beethoven und Wagner konnten es. Es können nur die Großen. Ich kann’s auch.”


d. 1.XI.21. 2 Uhr Mittag.
Ich sitze in Philadelphia—wir sind eben angekommen, fuhren mit Hubermann und Diamond. Ich bin leider unwohl und will gleich zu Bett. Strauß war müde und nervös auf der Reise—sprach mit Hubermann über Brahms. “Spohr ist mir viel lieber” sagte Strauß, “ich ärgere mich immer bei Brahms—er ist so überschätzt und so maniriert—es fällt ihm zu wenig ein.” Momentan luncht Strauß unten mit 1.500 Damen, die ihm einen Empfang geben—ich lehnte die Einladung ab, da ich mich ausruhen muß vor dem Konzert.
Abends ½ 12. Also das erste Konzert ist überstanden—es war G.s.D. ein großer, schöner Erfolg. Von den neuen Liedern schoß “Schlechtes Wetter” den Vogel ab—wir mußten es auch wiederholen. Ich war gut bei Stimme, aber nicht einen Augenblick hatte ich Freude am Singen—ich war unerhört nervös und aufgeregt—O, dieser Beruf! Bin mit den Nerven nicht ganz auf der Höhe. Wäre doch nur alles erst vorüber, und ich wider daheim! Nach dem Konzert aß ich mit “Richardl” ganz allein—er gratulierte mir so lieb zu meinem Erfolg und war so entzückend. Morgen Mittag sind wir G.s.D. wieder in N.Y. Franz ist dort geblieben. Jetzt sinke ich totmüde in’s Bett.


d. 2.XI.21.
Morgens Rückfahrt mit Strauß. Wir sprechen über Stimmen und Studium. Ich frage ihn, ob er meint, daß ich bei der Sembrich was lernen kann. Er verneint und sagt: “was Ihnen fehlt, kann ich Ihnen sagen, oder Ihr Mann. Sie müssten öfter etwas mehr legato singen und lernen, was z.B. die Stimme nicht hergiebt, mit dem Gesichtsausdruck zu ersetzen. Sie singen oft zu ehrlich—täuschen Sie doch über die Schwächen hinweg.” Er hat recht. Dann stöhnt er über das Land. “Es ist nicht wert, daß man zum Fenster rausschaut—diese poesielose Landschaft.” Wir kommen in N.Y. an und finden viel Post vor. Welch glückliches Augenblick! Dann zum lunch zu Mrs. Untermeyer—danach ich sofort zu Bett.
Strauß und Franz gehen im “Wellington” Wohnung mieten, sitzen dann beide an meinem Bett und lesen Ce’s Zeitungsnotizen—Strauß bringt mir den Brief von Pauline zum lesen—zärtliche Zeilen, ganz anders als sie spricht.—Eben sind beide mit Stross’ essen gegangen, dann zur Pavlova—ich mußte leider absagen, muß mich schonen.


d. 3.XI.21.
entzückender Abend bei Lady Speyer mit Mrs. Untermeyer und Bodanskys. Gesungen habe ich nicht—ich sehe nicht ein, warum. Die Leute sitzen auf ihren Geldsäcken, rücken weder Honorare noch Geschenke heraus.
Strauß sagte zu Mrs. Untermeyer: “Alwin ist mein treuster Freund.” Ich war sehr stolz.
Morgen früh Abreise Chicago, dann schnell zu Bett.


Chicago, 5.XI.21.
Reise entsetzlich—schlecht geschlafen, gegessen—wir haben nur stundenlang gepokert—erst gewann ich 30 frs. dann verlor ich wieder alles. Hier empfingen uns tausend Menschen—unter ihnen Dr. Seybel. Kurz nach unserer Ankunft großer Umzug für Foch vom Hotel ausgesehen—dann geluncht mit Dux, Pattiera, Diamond.
Nachmittag wundervoller Spaziergang am See mit Dr. Seybel u. Franz. Schöne Eindrücke von der Stadt.—früh schlafen gegangen.


6.XI. 21. abends
Wundervolles Konzert—Riesenerfolg—der Raum faßt 4.800 Pers.—aber eine himmlische Akkustik. Wurde garnicht müde. Unzählige Wiederholungen und Zugaben. Mary Garden applaudierte wie toll. Sah auch Polacco wieder. Nach dem Konzert Souper im deutschen Club.—Werde gut schlafen, bin mit mir heute zufrieden.


7.XI.21.
War heute allein in Ch. Strauß u. Franz sind nach Detroit.—Morgens 10-12 Autofahrt mit Dr. Saurenhaus. Um 1 Uhr lunch mit Dr. Seybel bei Mrs. ?? (Namen vergessen), herrlicher Spaziergang am See, zurück in Seybel’s Hotel, Tee mit ihm getrunken. Er las mir dann eine kl. Novelle von sich vor. Gescheiter netter Mensch. Es war ein hübscher Tag.
8. abends ½ 12.
Vor einer Std. trafen wir drei uns wieder hier im Hotel, strahlenden Gesichts und froh, daß wir uns wieder haben. Mr. Taylor ist auch hier—wir aßen alle 4 zusammen und Taylor schenkte mir als Talisman eine entzückende kl. ägyptische Ausgrabung, die Hans Heinz Evers einst besaß und auch weiter schenkte. Freute mich sehr darüber. Jetzt schnell zu Bett. Morgen Konzert und Nachtreise.


9.XI.21.
Pittsburgh fürchterliches Regenwetter—unmöglich einen Schritt aus dem Hause. Entsetzliche Langeweile. Konzert schöner Erfolg—nicht so warm wie Chicago. Strauß sagte: “Sie singen viel zu schön für die Leute.” Wiegenlied und Schlechtes Wetter mußten wir wiederholen. Bei der letzten Nummer fehlte bei den Noten “All mein Gedanken.” Strauß sagte: “ich kann’s auswendig.” Er spielt aber ein solches Kauderwelsch, daß ich mich noch immer wundre, nicht in eine andere Tonart gekommen zu sein. Ich war sonst sehr ruhig, auch garnicht müde hinterher—ich habe jetzt das Säuseln raus. Als Zugabe sangen wir “Ständchen”. Nach dem Konzert sofort Schlafwagen, wo ich augenblicklich schreibe—der Zug steht noch, wird gleich abgehen.—


10. Nov. 21.
9 Uhr morgens Ankunft Baltimore. Strauß schlecht gelaunt, läßt alles an Franz aus—schimpft über alles. Ich fahre mit ihm zum Hotel—Franz und Taylor im 2. Auto. Sage ihm, daß ich nicht begreife, daß er mit dieser Reise solche Opfer bringt und bringe in Erinnerung wie der Dollar zum Mark steht. “Ja, ja,” sagt er “ich tu’s ja auch nur, um mal wieder in Italien leben zu können.” Es ist mir etwas unverständlich, daß er das auch nicht ohne Dollars sich leisten kann. Wir sitzen beim Frühstück—seine Ellenbogen arbeiten—schlechtes Zeichen—schließlich breche ich den Bann und ziehe alles so in’s Lächerliche—besonders seine Schimpferei mit Franz, daß wir wahnsinnig lachen! Sonst ist es einfach nicht zum Aushalten, wenn er ewig unkt. Aber morgens ist seine schlechte Zeit—das habe ich schon heraus. Mittags klärt sich die Laune—dann tut ihm auch seine Grobheit leid—und abends ist er bezaubernd. Er läßt eine große Weintraube fallen und sagt gleich: “das wäre was für die Mamma” darauf erzählt er, sehr verschmitzt, wie er neulich den Tintenfaß versetzen sollte, das eben herauszunehmen ist und ganz im Gedanken den oberen Teil mit 1000 Tropfen über das Tischtuch trug. “Der Wutanfall” sagte er mit seinem gewohnten Augenaufschlag. Aber ich glaube er braucht diese Frau, die sich nix gefallen läßt—das sehe ich jetzt an Franz, der oft sehr sekkiert wird. Jedenfalls sind die beiden—Vater und Sohn—urkomisch, das erfrischende Element bei dieser elenden Reiserei. Ich freue mich auf New York morgen—wenn’s auch nur ein Tag ist.
Baltimore ist eine reizende Stadt und die Menschen sehr enthusiastisch—es war ein kollossaler Erfolg mit ungezählten Wiederholungen und Zugaben. Ich war ein ganz klein bischen müde von der Nachtfahrt und dem gestrigen Konzert, aber habe mich fabelhaft geschont. Das habe ich jetzt heraus, säusle den ganzen Abend. Nach dem Konzert standen unzählige Menschen im Künstlerzimmer—alles so begeistert. “Ja, so singt man in Deutschland,” oder “sie singt wie ein Engel, wie eine Geige” sagte Strauß. Man sprach dann noch über ein Orchesterkonzert und verlangte aber mich unbedingt als Solistin. Zwei entzückende junge Mädchen, Töchter eines Musikdirektors in Baltimore, kamen außer sich zu mir. Ich saß auf einem Stuhl im Künstlerzimmer, sie knieten zu beiden Seiten und küssten mir die Hände. Sie waren bildhübsche junge Geschöpfe. Übrigens fahren wir erst morgen früh nach Hartford direkt, zwar über New York, fahren aber durch. Ich bin selig im Bett zu schlafen, obgleich der eine Tag New York flöten geht.


New York, 14. Nov. 21.
4 Tage kam ich nicht zum Schreiben, jetzt aber schnell nachholen trotz großer Müdigkeit. In Hartford kamen wir Nachmittag 5 Uhr an—machten gleich einen Spaziergang, dann schnell zu Abend gegessen und zu Bett. Am 12. Vormittag Autofahrt nach dem großen Park und dort 2 Std. spaziert. Herrlicher Weg. Strauß sehr guter Laune, wir gingen 1 Std. ganz allein zusammen—Franz hinter uns mit einem Herrn—dann Rückfahrt im Auto in’s Hotel, gegessen. Abends ½ 9 Konzert, nicht ausverkauft—Erfolg aber so groß, daß wir 2. Mal kommen sollen. Beim Abendessen Gespräch über Mexiko. Ich ganz ablehnend, Strauß zuredend, weil er ohne mich nicht die Tournée machen kann. Ich sage, daß ich bestimmt 7. Januar in Paris sein will, und er erklärt darauf hin, daß es so unpraktisch wäre die paar Tage dort zu verbringen—so was machte man lieber in den Ferien und dann länger. Ich antwortete darauf sehr bestimmt: “Ach, es muß nicht immer alles praktisch sein—die Jagd nach dem Gelde macht mich nicht froh, und ich reise bestimmt am 31. hier ab.” Er schweigt und schwieg bis heute über das Thema. Am 13. früh ½ 9 nach Boston wo wir 1 Uhr Mittag eintreffen. 3 ½ das Konzert und riesen Erfolg! Ich bin heute noch ganz glücklich darüber. Ein herrlicher Saal gefüllt mit 3000 Menschen, die uns in wahrer Inbrunst entgegen jubeln. Und gerade diese Stadt soll die anti-deutscheste gewesen sein. Es war ganz wundervoll, und ich habe mit einer Riesenfreude musiziert. “Die größte deutsche Sängerin, die wir bisher hier kannten, sind Sie” und 1000 solcher Komplimente mehr, sagte man mir am Schluß im Künstlerzimmer, wo wir wohl 50 Autogramme geben mußten.
Ich habe Strauß selten so glückstrahlend über diesen Sieg gesehen, denn wir waren uns vorher wohl bewußt, daß es nicht leicht war uns diese Musikstadt zu erobern.
Und was hat er mir alles gesagt: “vollendet und schöner kann man’s nicht singen,” er kam mir fast wie Ce vor!!
Dann sagte er mir, daß er mich Monteux, den Dirigenten des Bostoner Orchesters als Solistin vorschlug für Mozart u.s.w. Ich sagte ihm gleich, wie lieb es ist für mich so Propaganda zu machen, worauf er antwortete “aber Sie machen sie ja für mich auch.” “Na, das haben Sie wohl nicht mehr nötig.” “O, man kann die Lieder auch anders singen.”
Abends taufte er mich (weil ich schon wieder vor einem Lobster saß) “Elobsterbeth” (anstatt Elisabeth) und versprach Ce tüchtig zu necken mit Mister Lobster. —½ 11 in den Schlafwagen, ich sinke vollständig tot in’s Bett und erwache 10 Min. vor Philadelphia morgens 8 Uhr. Wir trinken am Bahnhof Kaffee und gehen dann sofort zur Probe, die ½ 10 beginnt. 12 Uhr Schluß, schnell zum lunch mit Stokowsky und dann schnell in den Zug—3 Uhr im geliebten N.Y.
Unsere Wohnung im Wellington ist reizend—dazu unzählige Brief von Ce, Mutter, Schnuckchen, Margarethe, Trudchen und Lilly.
Und morgen ist nun der große Tag hier. Gott gebe, daß er so gelingt wie Boston!


15. Nov. 21.
Der große Tag ist vorüber. Ich wurde gleich mit großer Herzlichkeit empfangen—alle entsinnen sich doch noch meiner Sophie 14/15. “Morgen” wurde stürmisch da capo verlangt—übrigens das 1. x daß ich in einem Orchesterkonzert etwas wiederholte. Zum Schluß unzählige Hervorrufe—ich kann über den Erfolg stolz sein. War nicht gut bei Stimme, von einer geradezu unerträglichen Aufregung begleitet—hatte gar keine Freude am Singen.
Hinterher Riesensouper bei Mrs. Untermeyer—war so müde—die Anstrengungen der letzten Tage fühle ich sehr. Jetzt ist’s 2 Uhr—schnell zu Bett.


16.XI.21.
Lunch bei Henry Goldman’s, den Freunden der Gerhardt, die über meinen gestrigen Erfolg platzte und sich nicht überwinden konnte auch nur ein Wort über das gestrige Konzert zu sagen. Nur beim Weggehen, als wir angezogen im Vorzimmer standen, stammelte sie ein paar Worte. Ja, die lb. Kollegen. Aber mich freut es, ich glaube, es ist das beste Lob.
Strauß, der treue, mußte heut Abend nach Wheeling—ich aß mit Franzl im “blue ribbon” und hinterher gingen wir in ein Vaudeville.


d. 17.XI.21.
Langweiliger Tag—keine Einladungen—mit Franz gegessen, spazieren gegangen, abends Briefe geschrieben. Nachmittag machte Mr. Irian Besuch, Verwandter von Barreis aus Zürich—sehr netter Mensch.


18. mittags lunch bei der Easton, nachmittag mit Franz riverside spazieren gegangen, im Clairmont gejaust—dann Strauß begrüßt, der aus Wheeling kam und mir viele Komplimente machte, nachdem er dort mit der Gehrhardt musiziert hatte. Abends Kammermusikabend, in den ich nicht ging, weil totmüde.


19.XI.21.
Mittags lunch mit Mrs. Untermeyer—dann Premiere “Tote Stadt”—enormer Erfolg für die Jeritza—in der Loge Strauß, Otto H. Kahn und ich! —abends Souper bei Bodanskys.


20.XI.21.
lunch mit Lady Speyer, Strauß u. Franz bei Mrs. Untermeyer. 4 Uhr Abreise St. Louis—abends gepokert.


21.XI.21.
5 Uhr Ankunft St. Louis—großer Erfolg, gut bei Stimme. Zusammen mit Piastro und seiner reizenden Fau genachtmahlt. Die beiden bleiben hier bis 26. wo wir drei nach Indianapolis reisen. Bin so froh nicht allein hier zu sein, denn Strauß u. Taylor fahren heut Nacht nach Cansas City, wo er Konzert mit der Dux hat. Strauß wollte mich absolut mitnehmen, aber ich will etwas Ruhe haben—10 Std. Eisenbahnfahrt und wieder zurück—nein, lieber hier und wenn ich auch sehr allein bin.


23. u. 24.XI.21.
Entzetzliche Einsamkeit. Mit Piastros Nachmittag im Park spazieren—früh schlafen gegangen. Heut Vormittag ganz allein 1½ Std. im Park. Wunderbar kalter Tag nach dem nächtlichen Gewitter, das mich beben machte.
—Ach wenn ich doch täglich sänge und reiste, damit man nicht eine solche Stadt länger als notwendig erleben müßte.
Ich vergaß übrigens, daß hier bei Strauß’ Ankunft alle Zeitungen voll waren: “Der Walzer König ist da”. Und das Denkmal Johann Strauß (Wiener Volksgarten) war abgebildet.
Es paßt zu dieser Stadt, aber es ist wenigstens amüsant.


25.XI.21.
Einsamkeit—greuliche Stadt—bin ganz traurig—o mein geliebtes Wien!


26.XI.21.
früh 8 Uhr Abreise St. Louis—traf Strauß und Taylor am Bahnhof. Strauß empfing mich gleich mit den Worten: “Die lb. Dux ist leider recht maniriert geworden, mein Schumännchen ist mir viel lieber.” War froh die beiden wieder zu haben. Dann wurde gepokert bis Indianapolis, nahm ihnen $2.60 ab. Haha! Hier ist’s netter als St. Louis, ganz hübsche Stadt. Leider keine Post, hatte so damit gerechnet. Seit 14. Nov. keine Nachricht.


27.XI.21.
Entsetzlich nebliger Tag—man konnte nichts sehen. Ich fing das 1. Lied total verschleimt an—fühlte daß Strauß lachte, drehte etwas den Kopf zur Seite und sah seine Mundwinkel nahe seinen Ohren. Ich wurde garnicht irritiert durch die Frösche—uns beiden war überhaupt so lächerlich zu Mute. Wenig Leute im Saal—ganz für uns musiziert—sang mich dann aber fabelhaft durch, sodaß Strauß zum Schluß sagte: “man kann nicht schöner singen, nein, man kann nicht schöner singen.” Eben haben wir noch im Zug gepokert, und er sagte mir noch, daß ich von der Seite beim Singen besonders hübsch aussähe, und ich sollte mich einmal singend photographieren lassen. Er sagt mir oft viel Schönes, streichelt mich auch oft—er hat mich sehr gern.
Jetzt im Schlafwagenbett. Morgen Mittag in N.Y. wo hoffentl. viel Post liegt.


28.XI.21. abends 9 Uhr.
Ich liege seit 4 zu Bett, wurde auf der Fahrt schon unwohl. Wie schön! Dann bin ich zum nächsten Konzert wieder allright. Liebe, liebe Briefe lagen da—bin so froh und lese sie immer wieder.


29.XI.21.
Ganzen Tag zu Bett, da außerdem noch linke Mandel spukt. Strauß ließ mich nicht zum Duxkonzert, liege deshalb ganz allein zu Haus.


Washington 30.XI.21.
eben angekommen mit Franz allein, da Richard Konzert in Philad. hat. Meine Mandel besser, hat sich Gott s. D. auf die rechte verzogen.
Strauß empfing mich heut morgen: “Schummänchen, gestern haben Sie einen großen Erfolg gehabt. Die Dux hat ja ganz scheen gesungen aber sie säuselt zu viel: Bodansky hat auch gesagt, daß Ihre Stimme viel mehr das Haus füllte und besser trug. Und Sie haben die Lieder viel scheener gesungen.” (Sie sang nämlich die gleichen, also liegt ein Vergleich nahe.) Wie freue ich mich, daß die mich nicht tot singt—das hätte ich ihr nicht gegönnt. Mittags aßen wir drei im Voisin und kamen auf die Juden zu sprechen. Franz ganz anti, er sehr für—alles was er sagte war unerhört edel. Ich sagte, daß ich bei C noch nie gespürt hätte, daß da ein Unterschied zwischen Jud u. Christ ist, u. er sagte darauf zu Franz: “Suche einen Mann wie den Alwin unter den Christen—er ist auch nicht feige und kein Speichellecker.”—Ich war gerührt. So ein Wort diesen großen Mannes ist mehr wert als gute Korngold-Kritiken. Und wenn er auch viele Härten hat und oft kalt erscheint, so habe ich ihn jetzt in den 7 Wochen unserer Reise als einen der edelsten Menschen erkannt. Jede Stunde mit ihm ist immer ein Gewinn, auch wenn er schweigen sollte.


1.12.21.
Washington großer, großer Erfolg, sogar ein at home wird dabei herausspringen—soll 23.12. stattfinden. Morgens mit Franz im Wagen alle Sehenswürdigkeiten besucht—entzückende Stadt-Residenz.
Hubermann und Willicke spielten mit im Konzert, hatte es also bequem.
Jetzt im Schlafwagen—gleich geht der Zug ab.


Cleveland 2.XII.21. nachts 12 Uhr.
Die Erfolge werden immer größer—hier waren sie ganz aus den Fugen—sang fast zwei Programme mit all den Wiederholungen und Zugaben. Wußte, was ich getan. Wunderbarer Erfolg. Richard strahlte: “Sie singt immer scheener, man meint jedesmal es geht garnicht scheener.”
Er ist eben mit Taylor abgereist—Franz u. ich fahren morgen früh an die Niagarafälle.


3.12.21. im Schlafwagen nach N.Y.
morgens 8 Uhr Abfahrt Cleveland—Ankunft Buffalo ½ 1. Schnell gegessen—in ein Auto und zu den Niagarafällen. Wunderbares Bild—die Reise hat sich gelohnt—waren sogar auf der Canadaseite, trotzdem wir keinen Pass hatten—die Fälle sind dort bedeutend schöner. Aber eisig kalt im Auto, wo wir 6 Stunden sitzen mußten, froren fürchterlich. ½7 abends wieder in Buffalo, im Statlerhotel zu Abend gegessen und nun im Schlafwagen—morgen früh in N.Y.


N.Y. 4.12.21. 12 Uhr nachts
mittags bei Mrs. Untermeyer—3 Uhr Orchesterkonzert Bodansky, entzückende Mendelssohn Symphonie, abends Konzert (Orchester) Strauß im Hippodrom—wundervoll Lohengrinvorspiel—Elly Ney Burleske—enttäuschend—danach Zusammensein im Plazahotel. Strauß sehr angeregt von Bülow erzählt—“von dem habe ich dirigieren gelernt.”


5.12.21.
morgens bei Duveen—herrliche Bilder, Gobelins, Teppiche und China. Bei einem Teppich sagte Strauß “wenn ich den hätte, würde ich mich verpflichten am Boden zu komponieren” und er warf sich der Länge nach auf den Teppich und machte Schreibbewegungen. Mittags blue ribbon gegessen—danach in die office Diamond—bis heute abgerechnet. Um 5 Paul Eisler empfangen und mit ihm Tee getrunken. —Abends Briefe geschrieben.


6.XII.21.
nachmittag 5 Abfahrt Detroit—im Zug gepokert.


Detroit 7.12/21.
Morgens 9 Uhr angekommen. Unglückstag. Koffer nicht mitgekommen. Kleid, Schuhe, Strümpfe kaufen müssen, während Manager nach Noten herumjagte. Er bekam nur einen Teil und wir mußten Schubert in’s Programm einfügen. Strauß, wie immer, seelenruhig. Gott sei Dank, denn ich war etwas nervös. Abends trotzdem gut bei Stimme—großer Erfolg. Ich sagte jedes Lied extra an, was dem Publikum besonders gefiel.
Schubertlieder: Musensohn, Frühlingstraum, Forelle, Geheimes u. Lied im Grünen. Dann hatten wir verschiedene Straußlieder bekommen, und einige spielte Strauß auswendig. Er ist kein guter by heart player, und es passierte etwas Wunderbares bei “All mein Gedanken”. Schon nach dem 3. Takt wußte er nichts mehr von der Begleitung, und komponierte ein vollständig neues Lied. Ich sprang mit, die Worte paßten absolut, niemand ahnte etwas im Zuschauerraum, und als wir glücklich zu Ende waren, drehte ich meine Augen nach rechts, um zu sehen, wie er reagierte. Da sah ich nur seinen Mund von einem zum anderen Ohre lachen—es war wirklich schwer für mich die Ruhe und den Ernst zum nächsten Liede “Frdl. Vision” zu finden. Nach der Gruppe lachten wir noch immer im Künstlerzimmer, und ich bat ihn das neue “All m. Ged.” nachher sofort aufzuschreiben, aber er antwortete “oh, das habe ich schon jetzt total vergessen.” Wie schade! Ich fand es viel schöner als das Original.


Madison 8.12.21.
mittags 1 Uhr angekommen nach elender Nachtfahrt—gleich wieder zu Bett—Konzerterfolg wie immer.
Koffer noch nicht da.


Milwaukee 9.XII.21.
mittags 11 Uhr angekommen. Totmüde, da vor Wanzen in Madison nicht schlafen konnte. Trotzdem nach Ankunft sofort herrl. Spaziergang mit Str. u. Franz am See gemacht—danach 1 Uhr fabelhaftes lunch bei Mr. & Mrs. Vinkler. 50 Pers. ungefähr—sehr gut unterhalten—herrliche Orchids lagen an meinem Platz—alles sehr elegant, ich im Reisekleid, da Koffer sich erst um 5 Uhr einfand. Aber G.s.D. daß er überhaupt kam. Erfolg unerhört—mußte “Schlechtes Wetter” 3 x wiederholen—ach, Strauß spielt es aber auch traumhaft schön.
Nach d. Konzert ganz ruhig mit Str. u. Taylor gegessen—und sinke jetzt totmüde in’s Bett. Das 3. recital running, und keine Nacht ordentlichen Schlaf.


10.12.21. im Schlafwagen nach Cincinnati
heute Morgen 11 Uhr von Milwaukee abgefahren—1 Uhr in Chicago—zu Mittag mit Schubert, Gadowsky, Diamond und dem japanischen Manager gegessen—ohne Dux—sie ließ sich nicht sehen. Abends in “Aida”—furchtbare Schmierenvorstellung—Pattiera war der beste—Stimme klein, aber schön—nachts 12 Uhr Abfahrt—bin schon im Schlafwagen, gleich geht’s ab.


11.XII.21. wieder im Schlafwagen
morgens 9 Uhr Ank. Cincinnati, eine Stunde im Park spaziert, dann bis ½ 2 im Bett. Punkt 3 Konzert—immer derselbe Erfolg, war aber schlecht bei Stimme—kein Wunder. Punkt 5 Abfahrt, der Zug wollte 10 Min. warten, wir kamen aber noch 1 Min. vor Abgang. Jetzt wird noch 1 Stunde gepokert, dann schnell zu Bett.


d. 12.XII.21 abends 9.30.
Nachtmittag 4 Uhr N.Y. angekommen, unendlich viel Post vorgefunden—dann Anruf Carlo, der hier ist. Ging mit ihm und einem Freunde soupieren—war aber 9 Uhr schon zu Haus, da mich vor Müdigkeit nicht halten konnte.


13.XII.21.
mittags mit Carlo u. Franz geluncht—1 Std. im Central Park spaziert—abends Konzert Strauß in der Metropolitan—wunderbar! Hinterher bei Lüchow—nur wir drei und Taylor mit Baroness Türk. Eben haben Richardl u. Franz noch ein Weilchen in meinem Salon gesessen—wir sind wie eine Familie—entzückendes Verhältnis. Strauß’ Augen strahlen wenn er mich sieht. Er ist so rührend—brachte mir im Schlafwagen vorgestern eine Pille an’s Bett, und als ich sie nicht schlucken konnte, rannte er nach einem Glas Wasser und präsentierte es galant.
Unsere Verdauung, und andere Beschwerden sind oft Gesprächsthema—es ist so lustig.


14.XII.21.
lunch bei Mrs. Untermeyer mit Strauß, Franz, Sir Edgar (Speyer) u. Fr. Bodansky. Abends zu Haus.


15.XII.21.
Riesenerfolg in der Town Hall—wunderbar bei Stimme—keinen Schleim, garnicht aufgeregt. Bin selig—habe Ce telegraphiert. Strauß strahlt. Abends mit Carlo u. Freunden soupiert. Strauß wollte als Zugabe Otto H. Kahn’s Lieblingslied “Mit deinen blauen Augen” von mir haben—ich fürchtete mich aber vor den tiefen Noten und sang es nicht. Er war ein bischen verschnupft.


16, 17, 18, 19, u. 20.XII.21.
nichts besonderes, nur lunche bei Untermeyers, Speyers, afternoon teas und Langeweile.
Duluth wurde abgesagt, auch wegen geringen Verkaufs—sitze deshalb tatenlos in N.Y. und erhole mich von den Strapazen.— — —


22.XII.21.
Interessanter Nachmittag bei Knabe Pianos. Ich sang erst mit Strauß am Klavier 3 Lieder—dann mit dem “Ampico” und seinen hineingespielten Begleitungen. 3.500 drahtlose Apparate waren angeschlossen und man hörte mich in ganz Amerika und auf dem Ozean. Die Zuhörer, ungefähr 300,—waren voll Begeisterung—sehr interessantes Publikum, die crème der Gesellschaft, und alle hier weilenden Künstler, darunter auch der eben angekommene Schnabel. Strauß war wieder mal begeistert. Er fand, daß niemand so mit dem “Ampico” singen könnte, weil ich so musikal. wäre, und während ich mit seiner Begleitung sang, und er aber unter den Zuhörern saß, strahlte er wie ein Kind am Heiligabend. Abends bei Lady Speyer, auch ein paar Lieder gesungen, zwar ungern, aber Strauß bat mich!


23.XII.21.
Ganzen Tag mit Franz wegen Bank u. Reise in der Stadt herumgejagt. Endlich habe ich noch Überfahrt auf der “Olympic” bekommen—also bestimmt Abreise am 31. Ach, wie schön!


24.XII.21. Heiligabend.
Ach, ein trauriger Tag! Ich wäre so gern zu Haus! und möchte den Baum schmücken. Dann denke ich so viel an mein Schnuckichen—er ist jetzt sicher schon ganz ungeduldig—in einer Stunde bekommt er wohl schon bescheert, dann ist’s ja drüben schon 5 Uhr. Und hier hat man keinen Menschen mit dem man den heutigen Abend verleben möchte. Ich weiß noch nicht, wo ich heute Abend sein werde—die große Gesellschaft bei Goldmans ist auf 27. verlegt. Strauß hat in Philadelphia zu dirigieren. Franz ist bei Freunden von Stransky’s, wo ich auch sein soll, habe aber bis jetzt noch nicht zugesagt, bin so unentschlossen.


12.30 nachts.
War mit Elly Ney, Mann, Ehlers und Schnabel zs! Aßen gemütlich im Restaurant und gingen dann zu Schnabel auf ’s Zimmer, wo wir bis eben waren. Ein erträglicher Heiligabend mit viel Sehnsucht im Herzen.


25.XII.21.
mit Erich Simon, Ivogün und Boos geluncht—dann 3 Uhr Schnabelkonzert—er spielte wunderbar.
5 Uhr Tee bei mir, die Ney mit Mann, Ehlers, Franz, Taylor—abends wir 3 im Chinesenviertel—etwas unheimlich. —
Von Mrs. Untermeyer herrliche Spitze und Lady Speyer antiken Perlbeutel bekommen.


26.XII.21.
mit Simon geschäftl. Unterredung—allein im blue ribbon gegessen. Abends Konzert in Brooklyn vor leeren Stühlen—danach Bankett in der Bohèmia bis 2 Uhr nachts.


27.XII.21.
Viel Lauferei wegen Reise, aber wie wunderbar am 7.I. in Paris zu sein! Mittags lunch bei Untermeyers. 20 Pers. Abends herrliches Orchesterkonzert Strauß in der Met. mit Hubermann. Danach blue ribbon: Franz, Taylor, die Türk und Frau Casella—sehr vergnügt, haben Champagner getrunken—trotz prohibition.


28.12.21.
Letzte Konzertreise—und sehr schönes Konzert. War trotz Unwohlsein gut bei Stimme. Hübsches Theater mit guter Akkustik und sehr warmes Publikum. Schöner Abschluß.


29.XII.21.
Furchtbare Wanzennacht—schlief überhaupt nicht und war dem Weinen nahe. Lustige Rückfahrt—und jetzt schnell zu Bett, bin tot.


30.12.21.
Ganzen Tag Reisevorbereitungen—abends dinner bei Mr. & Mrs. Franko—fabelhaftes Essen, aber wenig nette Menschen, die Gastgeber. Ney’s u. Schnabel waren natürl. auch da. Hinterher, 11 Uhr, wurden wir mit Polizeiautos abgeholt, um das Chinesenviertel zu besichtigen. Große Enttäuschung—nichts zu sehen—gingen alle nach einer Stunde heim.


31.XII.21. abends an Bord d. “Olympic”.
Also hatte Strauß doch noch erreicht, daß ich records mit ihm mache. Er bringt alles für mich zu Wege, und mit welcher Ausdauer! In Reading hatte man ihn gefragt wann records von ihm und mir herauskommen, und er gab trocken zur Antwort “Sobald es Frau Dux erlaubt.” Das erzählte er der “International”, und das wirkte. Acht Wochen waren wir in Amerika, und am letzten Morgen zwei Std. vor meiner Abreise, mußte ich noch records singen. ¾ 12 kam ich an Bord gerast, 12 Uhr ging die “Olympic” ab. Es war eine fürchterliche Hetze, ich hoffe nur, die Aufnahmen sind gut geworden. Keiner war glücklicher als “Richardl”, daß er gesiegt hatte, und beim Abschied (er hat noch einige Orchesterkonzerte zu erledigen) schloß er mich fest in seine Arme und küsste mich auf beide Wangen.
Nun sitze ich hier am Schiff, und jede Sekunde bringt mich der Heimat näher. “Frisch weht der Wind, der Heimat zu.”
Das kleine Tagebuch soll heute beendet werden.. Ich lasse noch einmal die ganze Zeit an mir vorüber ziehen, und Dir, Du großer Mann, Dir Richard Strauß, gedenke ich gerührten Herzens und danke Dir mit aller Innigkeit, die mir zu Gebote steht. Du warst mir ein wundervoller Freund—an Deiner Seite war ich geschützt gegen alle Intriguen und Managergemeinheiten.
Du warst immer nur auf meinen Erfolg bedacht, warst um meine Gesundheit besorgt und brachtest mir Medikamente, wie ein Vater seiner geliebten Tochter. Ich habe Dich als einen der edelsten Menschen kennen gelernt, der für Wahrheit und Ehrlichkeit seine ganze Persönlichkeit einsetzt. Es war eine herrliche Zeit, diese 2½ Monate, täglich, ja stündlich an Deiner Seite zu sein. Du giebst einem immer, selbst wenn Du schweigst.
Mein ganzes Leben lang bin ich Dir verpflichtet—Du wirst es erleben, daß ich dankbar bin und es Dir nie vergesse!